Zimperlich & Mimosenhaft

Zimperlich, spröde.

Empfindlich, dünnhäutig.

Eine Mimose.

Begrifflichkeiten, die mich stets begleiteten.

 

Auf dieser Seite schreibe ich die seit über eine meiner Erkrankungen, der Adipositas III und meiner Entscheidung, den Kampf aufzunehmen.

 

Ich würde gerne noch hier bleiben!

 

 

 

Sorgen-Vorrat

 
 
Ich weiß schon lange nicht mehr, wie es sich anfühlt, gesund, belastbar zu sein. Seit 1985 leide ich an Übergewicht, das zu einer Adipositas ausartete.
Zahlreiche Diäten scheiterten. Ich nahm zwar ab, aber sogleich auch wieder zu. Der Jojoeffekt wurde mein stetiger Begleiter.

 

Ich wurde im Laufe der Jahre chronisch krank. Unter anderem erkrankte ich an einem Ganzkörperschmerz, so wurde es diagnostiziert, heute weiß man, es ist die Fibromyalgie.

 

Dazu kam die chronische posttraumatische Belastungsstörung wg vieler unliebsamen Erlebnisse in meinem Leben, die sich, unverarbeitet, in meine Seele gefressen haben. Und meine Angststörung, die mich meist mitten in der Nacht aus meinem Schlaf reisst. Ich habe gelernt, mich mit ihr zu unterhalten, wenn sie meint, sich in mir breit zu machen und mich genüßlich schmoren lässt.
 
Mir wurde stets gesagt, wie ich zu sein habe! Unter diesem Einfluss hatte ich für mich keine Möglichkeit, überhaupt zu mir zu dringen. Ich hatte eine gute Tochter zu sein, eine gute Ehefrau, eine gute Mutter. Meine Bedürfnisse, zögernd geäußert, wurden belacht und zur Seite geschoben.Selbst meine Sprache, in Wort und Schrift wurde bewertet und immer wieder belächelt oder verhöhnt. Ich unterwarf mich dem allen - lange Zeit, ohne Chance auf irgendeine Veränderung, denn ich war stets bemüht, das alles irgendwie zu überleben.

 

Erschöpfungssyndrom, dreimaliges Burnout, weil ich einfach nicht verstand, dass es um MICH geht, sondern stets bemüht war,  die Belange und Wünsche und Forderungen anderer zu erfüllen. Getrieben! Ich musste funktionieren! Das wurde von mir erwartet. Ich wollte einfach nur geliebt werden. Doch konnte ich mich noch so anstrengen, ich bekam selten etwas zurück. Und ich nahm für mich an, dass das alles das normale Leben sei, dass es so sein muss.
 
Mir wurde stets suggeriert, von klein auf, wie eine Frau zu sein habe. Meine Welt bestand nur daraus, dass ich mich stets im Kreis bewegte - für andere. So stolperte ich oft ziellos durchs Leben. Funktionieren, um zu überleben.
 
Ich begriff lange nicht, was Therapie, sowohl Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Therapie und Traumatherapie eigentlich von mir abverlangten. Manches hörte ich, doch drang es nicht dahin, wohin es sollte. Unter die Haut, in meine Seele, ins Hirn. Das war stetig mit Überleben beschäftigt.

 

Therapie kurz und knapp beschrieben: Selbstbewusstsein erlangen, einen gesunden Egoismus. In meine Seele schauen lassen, zu verarbeiten. Zu vergeben, zu verzeihen, abzuhaken, vielem nicht mehr den Raum zu geben, Urgewalten angstfrei gegenüber zu stehen.. Das vermeintliche Recht anderer abzuverlangen, mich zu bewerten und zu verurteilen. Ganz tief in mir, in einer kleinen Höhle  strotzte mein zweites Ich vor Selbstbewußtsein. Ich spürte, es gibt einiges zu tun.

 

Es gab zwei in mir, das spürte ich wohl recht früh: das zutiefst verletzte, missbrauchte, gedemütigte Kind, das zur Frau heranwuchs und die Kriegerin mit wehenden Haaren. Letztere musste erst geboren werden, damit sie ihre Kraft nach außen wenden konnte. Lange traute ich mich, sie der Öffentlichkeit zu präsentieren.

 

Das alles hat soviel Zeit verschlungen, weil mein Hirn stets damit beschäftigt war, nach wie vor andere zu sehen als mich selbst. Und gerne Blockaden aufbaute, damit ich meine Ziele, die ich auch hatte, wieder aus dem Blick zu verlieren. Du bist es nicht wert.

 

Dass der Weg vom Egoismus auch wieder Richtung Empathie für andere Menschen führen sollte, das dauerte auch zunächst. Einmal erlaubt, ich, ich, ich, merkte ich irgendwann, dass auch das nicht der richtige Weg für mich ist.

 

Ich leide unter einer Eßstörung und habe einen BMI von 48. Somit leide ich unter krankhafter Adipositas Typ III

 

Durch ein Erlebnis in meinem Leben, nämlich der Sorge meiner Söhne um mich, musste ich aus meiner Komfortzone heraustreten und anfangen, meine Adipositas mit ihren hämischen Freunden ernst zu nehmen.
 
Bis dato waren mein Ehemann und ich ein eingespieltes Team. Er war total auf mich und meine Krankheit konzentriert, half mir, wo er konnte, ohne mich jedoch einzuschränken.

 

Ich kann nicht in der Schnelligkeiten reagieren und agieren, wie es gerne gesehen würde, ich brauche lange, bis ich Erkenntnisse habe, die sich langsam in mein Hirn schleichen. Dort Einzug erhalten und mir Sicherheit verschaffen. Das ist wohl mein Nachteil.

 

Im Laufe der Zeit haben mir Ärzte das Leben schwer gemacht. Alles, was mich krank mache, habe mit dem Übergewicht zu tun. Ich bewies oft das Gegenteil. Denn die Schmerzerkrankung haben auch sehr schlanke Menschen, fragte ich mein Gegenüber, was ihnen denn empfohlen würde, kamen keine befriedigenden Antworten. Doch fand ich einige sehr respektvolle Ärzte, die zum Teil auch ganzheitlich arbeiten, die mich nun weiter begleiten incl. meiner lieben Heilpraktikerin, die mit ihren Händen und ihrer Seele meine Seele streichelt.

 

Ich war stets die freche, aufgeschlossene Dicke. Die Fröhliche. Die Entertainerin. Die, die für jeden einen guten Tipp hatte. Der man gerne zuhörte. Die Kreative, irgendwo, aber in welche Richtung sollte das gehen? Und die sehr Kritische, die alles hinterfragte, alles geklärt haben muss! Das wird sich auch nie ändern, bis zum letzten Tag, das weiß ich. Klarheit, das ist das Zauberwort.
 
Mein Körper zeigte mir in den letzten Jahren immer mehr meine Grenzen auf, dass ich kaum noch etwas an mir, in mir bewegen konnte.

 

Das wird mein Tagebuch um mich und meine Entscheidung, mir einen Magenbypass operieren zu lassen.
 
Ich werde bald 60.
 
Ich würde gerne noch hier bleiben.

Warum "von dick zu Schick"!

 

 

 

Auch als Mehrfrau fühlte ich mich lange wohl in meiner Haut. Durch mein arges, Therapie erworbenes Selbstbewusstsein habe ich keine diskriminierenden Äußerungen ertragen müssen. Aber das stimmt auch nicht so ganz. Gerade die mir nahestehenden Menschen versuchten immer wieder, als würde ihr Leben davon abhängen, durch emotionale Erpressung mich wieder in ihr Schema einzufügen. Sie ertrugen meine Veränderungen nicht. Die meisten, die mir  gegenüber standen, hatten meist Respekt vor meiner Art, mich zu verteidigen, mich darzustellen. Ich nahm im Vorfeld den Wind aus den Segeln.
 
Auch meine Eltern, gerade meine Mutter hätte mich gerne anders gehabt. Was ich ihr zu Gute halte ist die Tatsache, dass sie in den letzten Jahren vor ihrem Tod versucht hat, sich in mich reinzudenken. Wir führten viele gute Gespräche, waren immer ängstlich bedacht, dass wir uns nicht gegenseitig weh taten. Sie hat sich quasi mit mir therapieren lassen.
 
Einen Satz von ihr werde ich nie vergessen, denn er leitete neben anderen Ereignissen die Heilung in mir ein: "Wie kann ein Mensch nur so schön sein wie du? Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Und ich habe dich zur Welt gebracht."
 
Ich bekam von ihr viele Liebesbekundungen in den letzten Jahren. Ihre Zettelchen, dass sie so stolz sei auf mich, dass sie mich liebe, dass sie eine wunderbare Tochter habe, bewahre ich wie einen Goldschatz auf. Sie, die mich jahrelang versucht hat, nach ihrem Gusto zu formen, half mir bei der Heilung. Ich weiß noch genau wie sie mich anschaute, am Tag meiner zweiten Hochzeit und mir zuflüsterte: "Du bist so schön".

 

Ich war in der Lage, meinen dicken Körper schön zu kleiden, mich angenehm zu präsentieren. Ich erhielt den Respekt der Öffentlichkeit, der einfach jedem Menschen zusteht. Ich weiß aber auch um den Kampf vieler übergewichtiger Menschen, die sich selbst nicht verteidigen können.

 

Natürlich träumte auch ich davon, schlank zu sein und nahm mir vor, diesen Weg zu verfolgen.

 

Sucht bleibt Sucht.

 

Sie umarmt dich, schmeichelt, lockt, stößt dich von sich. Sie quält dich. Hämisch. Egal, wie ich mich ihr gegenüber benahm, sie hatte immer mehr Macht als ich.
Zu Anfang meiner Sucht war ich "binge eater". Das war sehr grausam und zu diesem Thema schreibe ich sicherlich auch noch etwas. Diese Art der Esssucht konnte ich jedoch durch meine Therapien durchbrechen.Meine Therapeutin begleitete mich jahrelang, schenkte mir Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Respekt durch ihre einmalige Art und ich danke ihr bis heute, dass sie mir geholfen hat, mich zu finden. In den letzten drei Jahren schaffte ich es endlich wieder, Sättigung zu verspüren und auch den Hunger. Ich konnte Reste auf meinem Teller liegen lassen. Das ununterbrochene, wahllose Essen gehörte (fast) der Vergangenheit an. Trotzdem reichte diese Erkenntnis nicht, um abzunehmen.

 

Iß doch einfach weniger!

 

Der Alkoholiker muss den Alkohol weglassen, der Junkie seine Drogen, aber essen muss ich, das kann ich nicht einfach weg lassen.

 

Du musst gesund essen!

 

Das lässt die Sucht gar nicht gerne zu. Das klappt eine Weile und ich esse sehr gerne gesund und bewusst, aber ein Trigger genügt oft, um alles wieder auf den Kopf zu stellen.

 

Du musst nur Sport treiben!

 

Ja. Das ist richtig. Wenn an vielen Tagen nicht diese unsagbaren Schmerzen wären. Zu meinem Unglück, warum auch immer meine Füße sich weigern, mich vorwärts zu tragen, streiken sie seit vielen Jahren. Die Fibromyalgie macht sich unter den Füßen bemerkbar.

 

Du findest nur Ausreden, um etwas zu ändern.

 

Ja. Man wird erfinderisch. Ich bin überzeugend in meinem Bestreben, mich selbst zu betrügen, was mein Übergewicht angeht.

 

 
 
Zu meinen Schmerzen möchte ich anmerken, die für den Schmerz meines Lebens stehen, bewerte es nicht, wenn du keine Ahnung hast, was das bedeutet. Es ist so grausam, da können sich nur die reindenken, denen es genauso geht.

 

Zuweilen bin ich sehr traurig über das, was ich in der Kindheit, der Jugend und im späteren Erwachsenenleben aushalten musste/sollte, mich nicht wehren konnte. Jedoch bin ich ein Survivor, ich habe das alles überlebt und bin kein Opfer meiner Vergangenheit mehr.

 

Durch die bariatrische Operation, die aus gesundheitlichen Gründen erfolgen wird, wird halt der schöne Nebeneffekt sein, wieder bummeln zu gehen und Kleidung in den Läden zu kaufen, die gefällt. Zumal bestätigen mir das viele Patienten, die die OP schon hinter sich haben. Es geht auch um mehr Beweglichkeit.
 
Seitdem es Übergroßenshops gibt, bestelle ich nur noch. Es ist selten ein wirklich tolles Kleidungsstück in Übergröße zu finden und ich verstehe nicht, warum die Bekleidungsindustrie noch immer nicht begriffen hat, dass auch Curvyfrauen verschiedene Vorstellungen von Kleidung haben.

 

Und es gibt genügend dicke Schicke.
 
  

Operation ist ja einfach!

In den Köpfen vieler Menschen macht sich die Phantasie frei, dass man sich einfach mal eben den Magen verkleinern lässt, um dann die Traumfigur zu erlangen. Oft lese ich, dass Menschen es so bewerten "Du bist ja viel zu faul, eine Diät zu machen", "Hör doch einfach auf, so viel zu essen, dann brauchst du dich nicht operieren lassen."

 

Ehrlich? Ich dachte selbst so darüber, wenn ich über diese Operationen las. Vor zehn Jahren empfahl mein Schmerztherapeut, der die Fibromyalgie diagnostizierte, schon ein "Magenband". Für mich völlig unvorstellbar. Man muss das so schaffen könnn, das war meine Devise. Und legte das Thema ad acta.

 

Letztes Jahr eröffnete mir eine seit über 25 Jahren liebe Bekannte, die längst nicht so viele Kilogramms auf die Waage brachte wie ich, dass sie sich einer Magenbypass-Operation unterziehe. Ich möchte gar nicht wiederholen, was ich in meinem Entsetzen zu ihr sagte. Zu diesem Zeitpunkt war ich, fast 58jährig und somit 31 Jahre übergewichtig, immer noch der Überzeugung, dass ich das SO schaffen würde. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einen "guten Lauf", wieder mal eine Diät, dieses mal 16:8 Intervalldiät und dazu der Besuch eines Fitnessstudios. Abgenommen habe ich in dieser Zeit 10 kg, wurde beweglicher. Normalerweise konnte ich schon vier Kilogramm in der ersten Woche abnehmen, das geschah dieses Mal nicht. Durch das Intervallfasten schaffte ich innerhalb von sechs Monaten die erwähnten Kilogramm. Die natürlich ruckzuck, nach Beendigung der Diät und des Trainings, auf meinen Hüften zurück katapultiert wurden. Bei mir sorgen bestimmte Situationen und Trigger immer wieder dafür, dass ich mit einer Diät aufhöre. Ebenso hörte ich mit dem Sport auf. Einfach so. Die Sucht umklammerte wieder meine Seele.

 

N. interessierte gar nicht, welche Bedenken ich äußerte, sie zog es durch.

Ich beobachtete sie, wir trafen uns wöchentlich. Ihre Kilogramms schwanden. Irgendwann trug sie neue Kleidung. Ich fand sie immer schön, durch die Abnahme war ich fasziniert, wie sie sich veränderte. Auch von der Bewegung her. Sie ist Schmerzpatientin, wie ich: " ... es geht mir viel, viel besser. Es ist alles erträglich geworden."  Wenn ich zurückdenke, habe ich sie damals, vor über 25 Jahren so schlank kennengelernt. Trotz alle dem war in mir dieser Widerstand, doch beneidete ich sie auch.

 

Lange Rede, kurzer Sinn: durch meine kritischen Kinder wurde ich nun gefordert, mich zu überdenken. Bei einem weiteren Treffen mit N. erzählte ich, was die Söhne mir alles sagten und fing unvermindert an, zu weinen. Sie weinte direkt mit. Wir führten ein langes Gespräch über meine Ängste und Bedenken, die sie vorher auch hatte. Und dann folgte dieser Satz: "... ich bereue es, es nicht schon viel früher gemacht zu haben."  Sie zeigte mir dann noch ein Bild, das sehr, sehr ungünstig aufgenommen wurde. Dieses Bild habe ihr Sohn von ihr gemacht und ich dachte für mich, JETZT verstehe ich sie.

 

Nach diesem Gespräch fuhr ich nach Hause. Die Tränen waren zwar getrocknet, aber ich hatte eine unbestimmte Angst in mir. Soll ich diesen Schritt wirklich wagen? Und in mir schrie alles. JA!!! Du musst das jetzt tun, du willst doch noch dein Enkelkind aufwachsen sehen. Und geschüttelt von all den Gefühlen setzte ich mich zu meinem Mann in den Garten. Er spürte es sofort. "Du willst ES machen lassen?" Er ahnte es im Vorfeld. "Ich stehe hinter dir, egal, was du vorhast. Denn ich merke, wie schwer dir alles fällt. Ich sehe und höre es."

 

Und so nahm es den Lauf, dass ich mich bei der Ärztin meldete, von der N. sich operieren lassen hat, Frau Heike G., Oberärztin der Allgemein- und Viszeralchirurgie des St. Josef Krankenhaus Moers,

spezialisiert auf bariatrische Operationen. Seit drei Jahren ist sie in dem Krankenhaus tätig und hielt dazu schon Vorträge über bariatrische Operationen.

 

Innerhalb von drei Wochen bekam ich meinen ersten Termin bei ihr.

 

- Fortsetzung folgt

 

 

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