Die Liebe bleibt und trotz allem hat man stets geliebt.

Mutti

1928 - 2016

 

Die Zeit des Sterbens war voller Traurigkeit und doch bereichernd und oft sehr bewegend. Sie sagte zu jedem ihrer Kinder etwas Heilendes, ging mit uns, oft tränenreich, in die Vergangenheit. Gab jedem Enkel, selbst dem verstorbenen, und auch den Urenkeln, Raum und liebe Worte. Sie wolle sterben, sagte sie so oft zu uns, und als wir fragten, was sie zurückhalte, antwortete sie: "Ich spüre so viel Liebe. Die Liebe meiner Kinder. Ich kann noch nicht gehen - wegen euch." 

 

Sie genoß das Streicheln ihrer Hände, ihres Gesichts, der Haare sehr bis zur letzten Sekunde. Und glitt unter den streichelnden Händen ihrer Tochter hinüber. 

 

Fünf Kinder, die dazugehörigen Schwiegerkinder, neun Enkelkinder mit Partnern, drei Urenkel. Alle samt haben einen guten Weg eingeschlagen, voller Stolz blickte sie zurück. 

 

Es war nicht immer alles gut, doch war auch nicht alles schlecht. Manchmal standen wir uns nah und waren doch so fern. Oft sorgenvolle Blicke, scheltend, Generationenkonflikte. Wie oft brachten wir Kinder ihr Weltbild, das so anders geprägt war, durcheinander. Sie strapazierte uns mit Liebesentzug, schwieg oft, wo Erklärungen wichtig gewesen wären. Doch hielt diese Stimmung nie lang an. Sobald es einem ihrer Kinder nicht gut ging, verging sie vor Sorge. Ihre Art, Liebe zu geben, war oft verwehrt von Worten oder Gesten. Doch war die Liebe da. Das merkten wir an so vielen Kleinigkeiten, zurückblickend. 

 

Als Kind die schrecklichsten Dinge erlebt, zum Ende ihres Lebens erzählte sie manches, so dass man sich in sie hineinversetzen konnte. Oft hinterfragte man manche Härte, manche verstörende Reaktion. Wir bekamen nun Einblick und Wissen, warum sie so war, es erklärte sich durch ihre Lebensgeschichte, ihre Kindheit, ihre Jugend im Krieg. Sie hat ihr Bestes gegeben. So, wie sie es konnte. Verklärung ist nicht angebracht, jedes Kind hat die eigene Realität mit ihr erlebt. Und doch hat sie das gegeben, was sie konnte. Wenn sie am Ende zweifelte, sagten wir ihr, dass sie alles gut gemacht habe. Sie drückte dann unsere Hände, suchte Augenkontakt.

 

Wir erinnern uns an ihren Geruch, unverkennbar, der Muttergeruch, bis zum Ende. An Weihnachtsfeste, bunte Teller, Lametta und Spritzgebäck. Urlaube. Geburtstage. Mutters Küche war die Beste, für die eine mehr, den anderen weniger. Wie wichtig Majoran für die Erbsensuppe ist und Dill für den Gurkensalat. Und sie die besten Königsberger Klopse kochen konnte, besser als ihre Schwiegermutter. 

Ihr Angesicht zum Schluss war friedlich, fast faltenlos. Trotz dieser schweren Erkrankung. Doch das Sterben begann. Es war ihr sehr bewusst, dass es keinen Weg mehr zurück gab. Sie machte es uns leicht. Verabschiedete sich von ihrem Zuhause. Übergab uns die Verantwortung. Unsere Ängste lösten sich in Wohlgefallen auf, stets kam sie uns mit jeder Entscheidung entgegen. 

 

Während der Gespräche an ihrem Krankenbett glitt sie hinüber in Erinnerungen um ihre Eltern. Sie pflegte auch ihren Vater - bis zum Tode. Er aber konnte in seinem Zuhause bleiben, was ihr verwehrt wurde. Und während ihrer eigenen Erkrankung musste sie Schambarrieren senken. Sie war stets eine stolze, disziplinerte Frau. Achtete akribisch auf ihr Äußeres. Und dann kam mit der Krankheit die Zeit, die sie welken ließ. Die Blutergüsse auf beiden Armen, die Einstiche waren von da an ihr Schmuck. Sie genoß das Streicheln unserer Hände, die Nähe. Auf einmal war so vieles, was stets wichtig war, nicht mehr Raum einnehmend. Demütig ergab sie sich ihrem Schicksal. Sie wollte nur noch ihre Kinder um sich. Mehr wollte sie nicht mehr. Sie tat sich so schwer mit dem Sterben, es zerriss uns das Herz.

 

Sie verlor vor vielen Jahren ihren Mann, unseren Vater, plötzlich, unerwartet, hatte kaum Zeit für die eigene Trauer. Sie dürfe sich nicht so gehen lassen, erklärte sie, schließlich habe nicht nur sie ihren Mann verloren, sondern ihre Kinder auch den Vater. Deshalb dürfe sie uns nicht so zur Last fallen. Das hörten wir in den ersten Jahren sehr oft. Und von da an schlug sie sich tapfer alleine durch die Welt, schloß neue Freundschaften, war sehr beliebt. Sie fiel uns Kindern nie zur Last, das war ihre grösste Sorge. Freute sich aber über jedes Familienfest, oft begleitet mit den Worten: Wie schön, dass ich das noch miterleben durfte. Von jeder noch so schweren Krankheit erholte sie sich. Selbst einseitig blind meisterte sie - von uns bewundert -  ihr Leben. "Ihr habt alle mit euch genug zu tun, da kann ich nicht auch noch an euch herumzerren." So ihre Worte. 

 

Sie vermisste ihren Mann - so oft. Und eines Tages, sie saß im Garten bei ihrer Tochter, setzte sich ein weißer Schmetterling vor sie. "Schau, das ist Papa, er kommt uns besuchen und schaut nach dir." Sprach ihre Tochter. Von da an besuchte sie stets im Frühling bis zum Herbst ein weißer Schmetterling, wenn sie bei der Tochter zu Besuch war.  "Günter ist wieder da". Ihr gefiel dieser Gedanke, es tröstete sie stets, welch' schöne Vorstellung das sei. "Ich tanze mit dir in den Himmel hinein, in den 7. Himmel der Liebe." Bei diesem Lied lernten sie sich nach den Kriegswirren kennen. Ihr erster gemeinsamer Tanz. Sie tanzten so gerne. Nun tanzen sie wieder gemeinsam. Und solltet ihr demnächst, im nächsten Frühjahr, Sommer zwei weiße Schmetterlinge sehen, tanzend im gleißenden Licht der Sonne, sind das vielleicht Paula und Günter und besuchen euch. Und wenn ihr dabei die Augen schließt, hört ihr vielleicht: ... ich tanze mit dir in den Himmel hinein ...

 

"Geglaubt die Seele zu Gott, der Körper zu Staub, wir wünschen, dass du recht hast, das wäre tröstlich. Denn dann weißt du ja jetzt auch, wir vergessen dich nie."

 

Tschüss, Mama. Du gehst nur vor. 

17. September 2016

 

 

Papa

1929 - 2003

 

Zu früh, viel zu früh.

Keine Chance mehr gehabt, etwas zu klären. Plötzlicher Herztod. Im Sessel sitzend, nach einem Urlaub in Bayern. Verstörend. Ich konnte Abschied nehmen, kniete mich zu ihm, der da auf dem Boden lag. Streichelte ihn lange, hielt Zwiesprache. Es war so schwer auszuhalten.

 

Wir waren uns so ähnlich.

Wir konnten streiten, bis einer weinend den Raum verließ, um uns dann aber wieder zu umarmen. Unendliche Geschichten, in denen er sich falsch verstanden fühlte, unsere Rechte versuchte, niederzutrampeln. Kriegsgeneration.

 

Was verbinde ich mit ihm?

Je länger ich darüber nachdenke, kommt dazu so vieles zusammen.

 

Sein Wunschkind. Endlich ein Mädchen. Diese Geschichte erzählte mir meine Mutter gerne. Wie er ins Krankenhaus stürmte, am besagten 6. Dezember 1960. "Wenn es kein Mädchen ist, nehme ich das ganze Krankenhaus auseinander!", mit diesen Worten betrat er das Zimmer meiner Mutter. Wenn ich mir ausmale, wie sie sich gefühlt haben muss. Ich kann den Wunsch  nachvollziehen. Zunächst waren zwei Söhne geboren und der Wunsch nach einem Mädchen war da. So erging es mir, viele Jahre später, ebenfalls. Mir blieb dieser Wunsch unerfüllt. Dafür habe ich aber heute mein Enkelmädchen.

 

Er konnte verbal weh tun, körperliche Strafen habe ich nie erhalten. Jedoch bekam ich irgendwann von ihm das für mich größte Kompliment:

 

"Ich wünschte mir, DU wärst meine Mutter gewesen. Wenn du wüsstest, wie ich groß geworden bin, deine Oma schlug erbarmungslos zu. Und wenn ich sehe, wie du mit deinen Jungens umgehst, wünschte ich mir manchesmal, ich hätte die Chance gehabt, so aufzuwachsen."

 

- später mehr

 

 

 

 

 

 

Ich bin ein Kriegsenkel.

Das Kind und Enkelkind zweier Generationen, die den ersten und zweiten Weltkrieg überlebt haben. Meine Großeltern. Meine Eltern, den zweiten. 1928 und 1929 geboren.

 

Die Eltern als auch die Großeltern haben im Krieg viel Schreckliches und Unglaubliches erlebt, das entnahm ich oft, fetzenweise, ihren Unterhaltungen, ich wüßte nicht, wie ich das überleben könnte. Jedoch vermieden sie es, diese ganze Generation, als hätten sie es sich auferlegt, über diese Zeit zu sprechen.

 

Einem Kind steht unbedingte Liebe zu und Sicherheit, ich spreche es, heute, nach Verarbeitung, meinen Eltern nicht mehr ab, dass sie uns geliebt haben.Tausend Dinge und Erlebnisse sprechen dafür. Jedoch genauso viele dagegen. Ich fragte mich immer, warum ich wie Eigentum behandelt wurde und mich nie frei bewegen konnte, meiner Meinung Gehör geschenkt, mißachtet und belacht wurde. Meinungen, eigene Ansichten niedergeschrieen, niedergetrampelt, verächtlich.

 

Gerade meine Mutter erschien mir gegenüber oft kühl. Sie war selten in der Lage, einen Körperkontakt zu mir aufzubauen. Das kam erst im Alter. Unnahbar kam sie daher. Heute weiß ich, dass es nichts mit ihrer Liebe zu mir, zu uns zu tun hatte, sondern.nur mit ihr selbst.

 

Das Bild von ihr und mir, das oben gezeigt wird, zeigt, dass sie mich nicht richtig umarmt, ihre Hand schwebt in der Luft. Das Bild war Bestandteil meiner Therapie.

 

*demnächst mehr

 

 

 

 

 

 

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